Die Tücke der Information – der 60. Webmontag im Rückblick

Fragende Zuschauerin beim Webomtag in Frankfurt WMFRA60
Fragen stellen ist keine Pflicht, das gehört zum Webmontag in Frankfurt wie die launigen Tweets, technische Überraschungen und neuerdings auch Lachsröllchen.

Wisst Ihr, dass Whistleblower in Deutschland nicht genügend geschützt sind? Das hat Konsequenzen – für die Whistleblower und für uns. Wisst Ihr, dass sich Frankfurter Bürger auf zwei Internet-Portalen aktiv ins Stadtgeschehen einmischen können? Das eine von der Stadt, das andere von den Bürgern. Wisst Ihr, wie sich Nazis online verkaufen, wie ein virales Video entsteht und wie ihr schneller durch den Verwaltungsdschungel kommt?

Nein? Dann hast du den 60. Webmontag „Wahrheit oder Pflicht“ in der Brotfabrik verpasst.

Heiß: Whistleblowing

Durch Edward Snowden bekamen sie ein Gesicht:  Whistleblower. Das sind Menschen mit Zivilcourage, die heiße Eisen anfassen und sich trauen offen Missstände anzuprangern. Viele beschleicht ein mulmiges Gefühl dabei: sollten die nicht lieber ihre Klappe halten und ist das nicht Verrat gegenüber der Hand, die dich füttert? Günter Steinke rüttelt mit seinem Whistleblower-Netzwerk das 2006 gegründet wurde an diesen Ängsten. Das Netzwerk unterstützt „Skandalaufdecker“ in Deutschland, die durch das Gesetz weniger geschützt sind, als in anderen Ländern in der EU.

Die Machtverhältnisse beim Whistleblowing sind klar: David gegen Goliath oder ein kleines Würstchen kratzt an der vermeintlichen Allmacht der Mächtigen. Entsprechend enden viele solcher Fälle mit einer bitteren Niederlage: Jobverlust, soziale Ausgrenzung, wirtschaftlicher Einbruch. Hier hilft der Verein mit praktischer Unterstützung aus vielen gesammelten Erfahrungen der Mitglieder und mit Rechtsberatung.

Günter Steinke_Whistleblowing wmfra60_Pfeil
Günter Steinke über Whistleblower „Du brauchst einen langen Atem, musst kerngesund und finanziell abgesichert sein. Das geht an die Substanz.“ Die meisten, die sich trauen, werden „sanft aus ihren Jobs gedrängt“.

Doppelt: Bürgerportale

Und dann standen zwei Kontrahenten auf der Bühne, die besser befreundet wären. Michael Schönhofen stellte als Vertreter der Stadt Frankfurt das neue Bürgerportal FFM.de vor. Und Juergen Eichholz präsentierte das von Frankfurter Bürgern vor einigen Jahren kreierte Portal Frankfurt Gestalten.

Den einen treibt der städtische Auftrag, ein digitales Forum für die Bürger umzusetzen. Der andere will als Bürger seinen Mitbürgern ein Forum geben, sich aktiv am lokalen Geschehen zu beteiligen und es mit zu gestalten. Die Ziele scheinen fast gleich. Sind sie aber offensichtlich nicht.

Die ermüdende Realität ist: das neue „offizielle“ Frankfurt-Portal ignoriert das ältere bestehende Portal. Ein gegenseitiger Verweis aufeinander fehlt auf beiden Seiten. Das offizielle Portal stellt einen „Mängelmelder“ in den Vordergrund und es verzichtet komplett auf eine direkte Dialogmöglichkeit auf der Plattform. Frankfurt-Gestalten stellt Initiativen in den Vordergrund und fordert explizit das Gespräch durch einfach zu nutzende Kommentarfunktionen. Beliebig fortführbar sind diese Vergleiche der beiden Bürgerportale.

Franfurter Bürgerportale _ Jürgen Eichholz und Michael Schönhofen_V
Schön, dass die Macher der zwei Frankfurter Bürgerportale zusammen auf der Webmontag-Bühne standen. Auf dass das der Beginn eines Dialogs

Ehrensache war es für die Frankfurter Eigeninitiative, dass ihr Portal vollständig ehrenamtlich umgesetzt wurde. Es lebt von der Begeisterung und der Lust einiger, sich aktiv ins lokale Geschehen einzumischen. Applaus!

Schwierig: De-Mail

Beim Begriff “Verwaltung” zucken wir alle leicht zusammen: umständlich, langwierig, unerreichbar, unverständlich, langsam, bürokratisch eben – keine sehr schmeichelhaften Assoziationen. Nun denn: die Verwaltungen kennen die Mängel. Die Digitalisierung ist so nach und nach in die Amtsstuben eingezogen. Und der Wille, einen besseren Service zu bieten, merken wir alle inzwischen.

Die Lösung: eGovernment oder Verwaltung 24/7. Damit geht das Versprechen einher nach mehr Bürgernähe, einer modernen Verwaltung, verbunden mit elektronischen Zugängen für alle.

De-Mail gehört in dieses Konzept. Von De-Mail Postfach zu De-Mail-Postfach können viele Wege in die Verwaltung unter den Tisch fallen. Außerdem kostet es weniger als normale Briefpost. Es ist ein staatlich geprüfter Dienst für eine rechtssichere Kommunikation im Internet. Darüber sollen Bürger, Wirtschaft und Verwaltung kostengünstig, zuverlässig und vertraulich elektronisch kommunizieren können.

Offen weist Jens Dworzak auf die Vor- und die Nachteile des Mediums hin. Auf der Sollseite stehen fehlendes Vertrauen, fehlende durchgängige Verschlüsselung, fehlende Angebote: De-Mail muss noch etliche Hürden überwinden, um akzeptiert zu werden.

Jens Dworzak DE-Mail in der Verwaltung_V
Bürokratieabbau, weniger Kosten, rechtsverbindliche Kommunikation: De-Mail ist vielversprechend, muss aber noch etliche Hürden überwinden.

Brenzlig: Nazis im Social Web

Mit Hanning Voigts kam ein brenzliges Thema zur Sprache: Was treiben die Nazis im Social Web. Der Journalist von der Frankfurter Rundschau verfolgt seit Jahren deren Aktivitäten und zieht sie ans Tageslicht.

Die einen sagen: Damit erhalten die Rechten ein Forum und Aufmerksamkeit, die sie suchen. Die anderen sagen: schweigsames Dulden der rechten Aktivitäten ist gefährlich.

Organisatoren wie Besucher hatten sicher eher ein zwiespältiges Gefühl bei diesem Vortrag.  Hanning zog uns mit seinen Einblicken in den Bann: Das Social Web ist ein zentraler Ort für Nazi-Propaganda. Dabei nutzen sie alle Tricks zur Selbstdarstellung- beispielsweise manipulierte Bilder oder inszenierte Ereignisse, die dann im Netz gestreut werden.

Hanning Voigts_Nazistrukturen in Social Media_wmfra60_V1
Die Liebe zur Selbstdarstellung der rechten Gruppierungen hat Vorteile: das Web kann so auch eine Goldgrube dafür sein, einzelne Nazis auszumachen und Zusammenhänge zu erkennen.

Ein Zuschauer gibt zu bedenken, dass die Berichterstattung die Nazis anfeuern könnte. Für Hanning Voigts gilt “weggucken” nicht. Ganz im Gegenteil. Für ihn gehören deren Aktivitäten ans Tageslicht.

Ina Ferber brachte sicher die Meinung vieler in ihrem Tweet auf den Punkt: “Danke für Deine Recherchen und Deine Artikel! Bitte setz Deine Arbeit fort! Sei laut, für uns alle!”

Falsch: Der Tischtennis-Roboter

Tobi und Tron verdienen ihr Brot mit der Nachbearbeitung von Filmen. Wie kommt man am besten an gute Aufträge ran? Werbung? Warum nicht – aber dann bitte unterhaltsam,  pfiffig, technisch herausragend, überzeugend – etwas, das sich von selbst herum spricht: ein virales Video. Gedacht, getan.

Allerweltsthemen sind am besten für ein virales Video geeignet. Das ist ein Tischtennis-Roboter allemal. Auch wichtig, die Glaubwürdigkeit – es darf weder zu wahrscheinlich noch zu unwahrscheinlich sein. Neben der aufwändigen technischen Produktion zogen Tobias Becker und Steffen Tron parallel ein Blog auf, in dem der Pseudo-Bastler Ulf Hoffmann über die Entwicklung seines Tischtennis-Roboters schreibt.

Nach mehreren Monaten Arbeit, bei der alles bis ins letzte Detail durchdacht wurde, luden die beiden ihr Video bei YouTube hoch. Natürlich unter dem Pseudonym Ulf Hoffmann und mit einem leicht mulmigen Gefühl. “Lügen macht keinen Spaß”, findet Tobias, der den Fake durch den Entertaining-Faktor legitimiert sieht.

Und was wurde daraus? Das YouTube-Video “Mann gegen Maschine – Tischtennis-Roboter” hat heute über 800.000 Klicks. Heise berichtete darüber, es gab diverse Interviews, mehrere Vorträge und jede Menge Spaß. Direkt verdient haben die beiden lediglich $200 damit.

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Um die Web Community auszutricksen, betrieben Tobias Becker und Steffen Tron einen immensen Aufwand. Das Ziel: ein virales Video!

Tobi und Tron gründen in diesem Jahr eine Agentur für virale Kampagnen. Der Erfolg ist ihnen sicher. Und dass sie Spaß an dieser Arbeit haben, ist auch sicher. Hier noch etwas in 1 Minute. Schmunzeln ist garantiert: Flame Lieferung.

Besser: Jobs in Rhein-Main

Ali Pasha Foroughi_rhein-main.guru wmfra60_Vl
Ali Pasha hat ein Jobportal für Rhein-Main gegründet und sucht Leute, die es mitgestalten möchten.

Warum sollten wir eigentlich umziehen bei einem Jobwechsel? Ali Pasha Foroughi ist davon überzeugt, dass es die besseren Jobs in unserem Gebiet gibt. Damit sich Jobanbieter und -sucher finden, hat er eine Plattform gegründet: rhein-main.guru. Der muss nun Leben eingehaucht werden und zwar von Leuten, …

  • die einen Job suchen,
  • die einen Job anbieten,
  • die Ideen zur Gestaltung der Website haben,
  • die Tipps oder Anregungen einkippen von ähnlichen Webseiten.

Bitte schickt ganz klassisch eine Mail an hallo@rhein-mein.guru. Auf dass wir gemeinsam ein Jobportal schaffen ganz speziell für unsere Region.

Wahr ist, der 60. Webmontag ist vorbei. Ist es nun Pflicht zum 61. zu kommen? Der wird sportlich. Auf dem Programm stehen Fußballmarketing, das Quantified Self, eSport und mehr. Ich finde, wir sollten alle kommen. Mit Turnschuhen.

Bilder: Clemens Riemenschneider. Mehr davon auf flickr.
Videos: Sebastian Greiner. Mehr davon auf Vimeo.

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